Aus dem musikalischen Leben der Städte  
   

 
                           Isny im Jahre 1365

Im ausgehenden Mittelalter gewannen die Stadtschulen für das Musikleben in den Städten immer mehr an Bedeutung. Sie sorgten sich nicht zuletzt darum, den Nachwuchs für den kirchlichen Chorgesang auszubilden. Musikbegabten armen Kindern wurden sogar Stipendien gewährt, damit sie auch sonst am ganzen Unterricht teilnehmen konnten. Bei verschiedenen Anlässen sangen diese Schüler, die Partimsknaben, im Gottesdienst, bei Beerdigungen und Prozessionen und als Sternsinger in der Weihnachtszeit.

Die Leute warfen ihnen dann die "Singete" hinaus, Essen, Kleidungsstücke, manchmal auch Geld. Auch der Orgelmeister Hans Buchner von Ravensburg, der spätere Musikdirektor von Biberach J.F. Knecht und später der weltberühmte Tenor Karl Erb aus Ravensburg erhielten dort ihre musikalische Ausbildung.      

Städtische Instrumente (1716): Klavichord, Geige, Bratsche, Pommern, Fagott, Schalmei, Zink, Trompete/Fanfare, Posaune und Kontrabass 
vorne: Laute, Pauke und eine Harfe, Abb.1

Die Musikkultur in unseren Reichsstädten wie Wangen, Isny, Leutkirch, Biberach und Ravensburg gestaltete sich bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwischen höfischer und klösterlicher Prachtentfaltung und ländlicher Armut. Man brauchte einmal die Türmer, die "Blaser" mit ihren Blasinstrumenten, um den Bürgern mit den vielen Signalen Wachsamkeit und die Zeit zu vermitteln. Trompeten und Pauken waren aber ursprünglich herrschaftliche Instrumente. Erst über Sonderprivilegien kamen die Trompeten in die Stadtmusiken. Lindau erhielt dieses Recht allerdings schon 1452 wegen seiner besonderen Verdienste um das Reich. Die Ausbildung der Bläser unterlag dem Zunftrecht. Erst nach zwei Jahren war die Lehre zu Ende und erst nach sieben Jahren durfte dieser Trompeter unterrichten. Auch der Einsatz war bis um 1800 streng reglementiert. 

Die wenigen, vom Rat genehmigten "Geiger", "Pfeifer" und "Lautenschlager" hatten mit Hilfe besonderer Gesellen und dem Lehrer aus den Lateinschulen dafür zu sorgen, dass Musik bei städtischen Feiern, Fürstenbesuchen oder Ratszusammenkünften erklang. 

Schon früh hatten sich in den Städten Süddeutschlands auch die Handwerksmeister zu Singschulen vereinigt, in denen die Sangeskunst schulmäßig betrieben wurde. Eine solche Meistersingergesellschaft entstand 1620 in Memmingen, vielleicht auf Anregung eines aus Nürnberg stammenden Knabenschulmeisters. Am Fest des Kirchenheiligen versammelten sich die Meister in der Dreikönigskapelle zum Haupt-, Kron- oder Kreuzsingen und sangen um Meisterruhm und Ehrenpreis. Neben diesem Meistergesang pflegte man aber auch die dramatische Dichtung. Eigene verfasste Dramen wurden aufgeführt, aber auch solche von Shakespeares "Hamlet" bis Schillers "Räuber". Zu den Meistersingern gehörten mit wenigen Ausnahmen die Handwerker wie Sattler, Tuchmacher, Küfer usw.. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hielt die Gesellschaft, so gut es ging, an die Satzungen der alten Meister fest, und man nahm keinen in ihre Reihen auf, der nicht schulgerecht singen konnte. Von da an traten sie nur noch als Leichensänger auf, indem sie bis 1864 in schwarzen Mänteln und Schiffshüten die Leichenzüge begleiteten. 1875 wurde in die Gesellschaft als jüngstes Mitglied Friedrich Hummel aufgenommen, der 1922  als der letzte deutsche Meistersinger starb.

Das Tanzvergnügen gönnte sich die gehobene Bürgerschaft, die Patrizier, allerdings auch. Man pflegte in den Ratsälen der Stadt zu tanzen, wobei aber die gemeinen Bürger ausgeschlossen blieben. Die Vertreter der Zünfte gingen dem Tanzvergnügen in ihren Trinkstuben und Wirtshäusern nach. Doch auch die Tagelöhner, Mägde, Dienstboten und Bettler ließen sich das Hüpfen, Schieben und Drehen nach einfacher Musik von Geigen, Flöten, Trommeln und Pfeifen auf Gassen und Plätzen nicht entgehen, so wie es im Augsburger Lied von den drei fahrenden Musikanten heißt: "Der erste war ein Geigerlein, der strich die Töne schön und rein: da wollten alle tanzen. - Der zweite schlug das Tamburin, man hört's durch alle Gassen hin, das klang so schön im Ganzen. - Der dritte schlug die Laute fein und sang dazu ein Liedelein, das war ein lustig Klingen"... Wie es in diesem Lied weiter heißt, hatte der Rat der Stadt etwas gegen dieses freie Musizieren und Tanzen, so dass in den Städten immer wieder Verbote gegen die vagierenden Spielleute erlassen wurden. Anscheinend - was die vielen Verbote beweisen - waren aber Musik und Tanz stärker.

In Memmingen gründete Christoph Schorer 1635 ein Collegium musicum, in dem sich die gebildeten Bürger zur Pflege der Musik in regelmäßigen Zusammenkünften trafen. Auch weltliche Werke wurden aufgeführt, aber auch fremde Künstler. Sogar auswärtige Operngesellschaften gastierten hier. Ein Treffpunkt  aller Musikfreunde von nah und fern war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Gasthaus zum "Weißen Ochsen", dessen Besitzer Christoph Rheineck als vortrefflicher Sänger, Musiker und Komponist weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt war. 

Schließlich unterhielten die Städte mit den Schützenvereinen auch ihre eigenen "Zinkenisten", Posaunisten, Pfeifer und Trommler, um bei Prozessionen, Patronatsfesten, Beerdigungen von Mitgliedern und beim alljährlichen Schützenfest aufspielen zu können, dessen krönender Abschluss stets der Schützenball war. 

Auch das häusliche Musizieren gewann  Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung. Zeugnis davon gibt das Notenbuch der Patriziertochter Helene Barbara Schlegel in Isny aus dem Jahre 1792. Dieses war ihr von ihrem Klavierlehrer, dem Kantor und Schulmeister Chr. Weberbeck,  zur Konfirmation geschenkt worden. Es enthält auf 163 Seiten Choräle und Klavierstücke, aber auch 131 Lieder mit Klavierbegleitung, die  im bürgerlichen Deutschland gerade Mode waren und  vom freiheitlichen Gedankengut der damaligen Zeit erzählen. 

  
Titelblatt (Ausschnitt) aus dem 
Notenbuch von 1792

Auch von Chr. D. Schubart und Zumsteg, den Vertretern der Schwäbischen Liederschule, sind Beispiele zu finden. Nur ein Volkslied ist vertreten: "So herzig wie mein Liesele" (="Wenn alle Brünnlein fließen").

Im 19. Jahrhundert und bis nach dem 2. Weltkrieg waren es dann in erster Linie die sich formierenden Gesang- und Musikvereine, die sich um die Ausbildung ihres Nachwuchses kümmerten. Durch den allgemeinen Militärdienst, bei dem das Musikwesen stets einen hohen Rang einnahm, erhielten die Musikkapellen eine weitere Verstärkung und Anregung durch die ehemaligen Militärmusiker. Schließlich reichte dort das Musikprogramm weit über den Marsch hinaus in anspruchsvollere Konzertliteratur.

Das Städteorchester Wangen - Isny - Leutkirch (Ausschnitt)

Die heutige hohe Musikkultur in Stadt und Land wird seit dem 2. Weltkrieg von den  städtischen Musikschulen mit geprägt, deren Wirkungsbereich sich weit auf das Umland ausdehnt. Finanziell wird diese hervorragende kulturelle Arbeit von den Eltern, Kommunen und vom Land Baden-Württemberg getragen. Von dieser intensiven musikalischen Ausbildung von Stimmen und Instrumentalisten lebt auch die Arbeit in den Musik-, Singgruppen und Chören der Region.

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