Das Schellack-Projekt im Allgäu-Schwäbischen Musikarchiv des Geschichts- und Heimatvereins Eglofs e.V.
 

Seit 2001 ist das Allgäu-Schwäbische Musikarchiv Partner bei einem EU-Projekt Sokrates/Grundtvig 2, an dem die Beratungsstelle für Volksmusik in Franken (in Uffenheim), die Gesellschaft für Historische Tonträger (Wien), das Österreichische Volksliedwerk (Wien) und die Universität Udine in Gorizia (Italien) teilnehmen. Thema: Firmen- und Künstlerdiskografien der Schellackzeit unter besonderer Berücksichtigung der Unterhaltungsmusik und ihrer Wirkung. Nach Tagungen in Wien, Eglofs, Uffenheim und Gorizia ergab sich für das letzte Jahr (2002/03) folgender Bericht über die Arbeit in Eglofs:

Am 12. Oktober 2002 konnte die Musikabteilung unseres Museums in Eglofs eröffnet werden, die ab dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein einen Überblick über das Musikschaffen der Region bietet. Dabei hat auch die Musikkultur der Schellackzeit ihren Platz mit Grammophonen, Tafeln und Musikbeispielen erhalten. Eingebettet in einen restaurierten Raum (um 1920) in einem Bauernhaus mit Musikinstrumenten für kleine Musikgruppen bilden die Geräte - wie die bisherige Erfahrung mit den Besuchern zeigt - eine Attraktion. Die Älteren lächeln verständnisvoll, wenn sie die Grammophone erkennen. Jüngere zeigen sich erstaunt über die genialen Ideen von Edison und Berliner
 

Die Ecke im Museum mit den mechanischen Wiedergabegeräten: Spieldose, Reisegrammophon, Tischgrammophon (Bauhausstil); rechts: Trichtergrammophon (Jugendstil)

Ein Blatt Papier als Membran mit einer fixierten Stecknadel (es kann auch ein zugespitztes Streichholz sein) am unteren Seitenrand

Eine Schellack-Demonstration vor dem Museum auf 
dem Kunstmarkt in Eglofs 2003 im Zusammenhang mit 
neuer Technik: Original und digitalisiert. 
  

Wegen der Gefahr eines Federbruches kann die Demonstration nur von eingewiesenem Fachpersonal erfolgen. Die Tafeln mit Bildern erklären das Wichtigste zur Tiefenschrift bei Edison und Seitenschrift bei Berliner. 

Eine besondere Möglichkeit, auch das akustische Phänomen deutlich werden zu lassen, bietet ein Blatt Papier (A4), in dem in der Langseite eine Stecknadel fixiert ist. Wird das Papier beim Sprechen etwa in 10 cm Entfernung vor dem Mund gehalten - noch besser ist der Effekt beim lauten Singen - so kann bei leichter Berührung mit den Fingerspitzen an der Vorderseite das leichte Vibrieren erfühlt werden. Dass über eine Nadel in der Mitte des Papiers die Tiefenschrift in eine Wachswalze nahe liegt, kann leicht gedanklich nachvollzogen werden. Die Umlenkung bei Berliner in ein seitliches Eingraben auf der Platte ist der nächste Schritt der Erklärung. Das Zurückholen der eingegrabenen Tonschwingung über die Stecknadel und die Membran (Papier) fasziniert jedes Mal das Publikum. Wie ein Trichter verstärkt, wird deutlich wahrgenommen, wenn schließlich das Grammophon ganz eingesetzt wird.

Mehrere Musikbeispiele, z.B. der im Allgäu vor etwa 80 Jahren berühmte Mussinan-Marsch, können über ein kleines Mp3-Abspielgerät im Raum abgehört werden. Auch in Zimmer 4 - Berühmte Personen - können auf Schellack erhaltene Kompositionen von Prof. Hans Felix Husadel, ein in der Militärmusik berühmter Komponist und Dirigent, über die Digitalisierung auf diesem Wege wieder erklingen. 

Sein Schellack-Nachlass liegt im Archiv. Wie vorher angekündigt stellen wir von den Schätzen der Leihgeber und der Schellacksammlung des Archivs CDs her, die auf dem Kunstmarkt in Eglofs am 30.8.03 großes Interesse fanden. Dort konnten im Notebook alle bisher gespeicherten 1678 Titel abgefragt werden und teilweise in gereinigtemSound direkt von der Festplatte erklingen. Die Digitalisierung konnte allerdings erst in den letzten Wochen über ein eigenes spezielles Wiedergabegerät  zur Überspielung in den PC weitere Fortschritte machen.

Tonbeispiel: "Mädle ruck, ruck, ruck" von der "Baure Kapell Schwabe Karle, Stuegert" (BEKA, um 1910)

Neben dem internationalen Austausch von Wissen um die Unterhaltungsmusik der Schellackzeit bleibt der Schwerpunkt unserer eigenen Bemühungen der Aufbau einer Sammlung von regionalen Tondokumenten. Auch die Ergänzung über einen Tausch von Tonbeispielen ist nun möglich. 

September 2003, Wolfram Benz >zum   Allgäu-Schwäbischen Musikmuseum