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Meinrad
Spieß, der Musikerprior von Irsee (1683-1761)
Mit seinem weitverbreiteten Tractatus musicus
machte Spieß, auf Fux und besonders Mizler aufbauend, die von der
Musiktheorie seiner Epoche gewonnenen neuen Erkenntnisse der Praxis,
vor allem den »Lehrlingen der musical. Composition«
in deutscher Sprache und allgemein verständlicher Form
zugänglich. Mit Nachdruck setzte er sich für die Würde
und »Majestät« der kirchlichen Musik ein, die er
streng von aller profanen Musik getrennt wissen wollte. Bedeutsam ist
seine Verteidigung der Kirchentonarten gegen die neuen Tonsysteme Dur
und Moll. - Seine kirchenmusikalischen Kompositionen sind eine Synthese
alter und neuer Stilelemente. Seine fast stets kontrapunktisch
gearbeiteten Chorsätze fußen zumeist auf dem strengen Palestrinastil
seines »römischen« Lehrmeisters und in der Palestrina-
Renaissance, die er in seinen Münchner Lehrjahren erlebt hatte.
Bei aller barocken Musizierfreude und »feyerlichen Pracht« zeigen seine kirchenmusikalischen Werke
liturgisch dienende Strenge und innigfromme Gläubigkeit.
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Meinrad
Spieß, Taufname Matthäus, wurde am 24. August 1683 in
Honsolgen (Schwaben) geboren. Spieß trat 1701 in die
reichsunmittelbare Benediktinerabtei Irsee ein, legte 1702 die
Gelübde ab und empfing 1708 die Priesterweihe. 1709-1712 war er
Schüler von G. A. Bernabei in München, wurde danach MD. der
Abtei Irsee, in der seit dem musikfreudigen Abt Carolus Andreae
(1610-1627) eine große Tradition liturgisch-polyphoner Musik
blühte, und schließlich mehrmals deren Prior. Seit 1743 war
er Mitglied der Correspondierenden Societät der
musikalischen Wissenschaften, in deren Rahmen er Kontakte u.a. mit J.
S. Bach hatte, und stand mit L. Chr. Mizler in freundschaftlicher
Verbindung. Er galt weithin als musikaliksche Autorität; neben
anderen schickte ihm Leopold Mozart wiederholt Kompositionen zu
Korrektur und Begutachtung. Als Orgelexperte war er wahrscheinlich auch
an der Planung der Riepp-Orgeln in Ottobeuren beteiligt.
Er starb am 12. Juni 1761 in Irsee
bei Kaufbeuren.
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Werke.
"A. Drucke: Antiphonarium Marianum, 26 Marienant. f. Sopr. u. A., teils m. Org., teils m. 2 V.,
Vc. u. Org., Kempten 1713, Drucker J. Mayr, Verleger F. J. Dobler; Cithara Davidis noviter
animata, Vesperps. f. 4 v., 2 V., 2 Va., Violone, Org., Konstanz 1717, L.
Parcus; Philomela Ecclesiastica, geistl. Gsge. f. Solost., 2 V., Org., Augsburg 1718, A. Maschenbaur (verschollen); Cultus
Latreutico-Musicus, 6 Messen u. 2 Requiem f. 4 v., 2 V., 2 Va., Violone, Org., 4 Ripp., Konstanz 1719, L.
Parcus; Laus Dei in Sanctis Ejus, 20 Off. f. dass., Mindelheim 1723, J. A.
Ebel; Hyperdulia Musica, Lauretanische Litaneien a 4 v., 2 V., 2 Va.,
Violone, Org., Augsburg 1726, Drucker J. M. Labhart, Verleger J. Eysenbarth u. J. Endele; 12
Son. f. 2 V., Vc., Org., Augsburg 1734, J. J. Lotter (verschollen);
Tractatus Musicus Compositorio-Practicus, Kompos.- u. allg. Musiklehre,
Augsburg 1745 u. 1746, J. J. Lotters Erben; Fuge f. 5 Streichinstr. als
Lehrbeisp. in Tractatus Musicus, 1745/46 »Precatus est
Moyses«, Off. 4v., Lehrbeisp. ebda. (hs. Abschr. im Arch. der
Ges. der Musikfreunde Wien; eine weitere Abschr. m. unterlegtem Text
des Ps. 111 »Beatus vir«, »ad Chorum Eccles.
aulic.-reg. Monachii 1818« in Bayr. StB München); 8 Messen,
als »letzt- u. bestes musicalisches Werck v. besonders
annehmlichen Gusto« sind offenbar nicht mehr ed. worden.
B. Hss.: Missa Quadragesimalis ex E-Moll in Contrapuncto u. Missa
Quadragesimalis 6ta ex C-Moll, beide f. Sopr., A., T., B., Cemb.,
Violone, Arch. Abtei Ottobeuren; Ps. 111 »Beatus vir« f.
Solost. (Sopr., A., T.) u. Instr. (V., Va., Vc., Violone, Org.;
vermutlich um 1749) u. »Miserere mei Deus« (Ps. 50), Kant.
f. 4 Solost. (Sopr., A., T., B.), gemCh. 4 v., 2 V., 2 Va., Vc.,
Violone, Gb. (1749), Chor der Basilika Ottobeuren; Conc. f. V.,
Streichorch., Cemb., UB Uppsala (Autor »Signor Spies«);
Musik zu dem Jesuiten-Schulspiel Das alte u. neue Teutschland
(Kaufbeuren 1719; verschollen). Eine Reihe weiterer km. u. kam. Werke
wie auch mth. Abh. dürfte verlorengegangen sein."
Quellen
Werke direkt zitiert aus Digitale Bibliothek Band 60: Die Musik in Geschichte und Gegenwart,
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