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"Die Fischerin vom Bodensee"
und Franz Winkler,
Wie ich zur „Fischerin vom Bodensee“ kam
Als
Lehrer für Physik kam ich später wieder mit den Schellacks in Berührung:
Ein Schüler erzählte beim Thema „Akustik“ von einem Gerät, das
ohne Strom Musik von sich geben konnte, dem Grammophon. Deshalb beschäftigten
wir uns im Unterricht näher mit der Funktionsweise dieses Apparates und
stellten fest, dass es sogar möglich ist, den sich darauf drehenden
Platten auch ohne Trichter Musik zu entlocken - allein mit Hilfe eines
zugespitzten Streichholzes, angeklebt an der Seite eines Blattes Papier. Dazu
musste die Spitze des Streichholzes nur in der Plattenrille geführt werden.
Später dachte ich bei den Planungen zur Gestaltung des Musikmuseums Eglofs Ende 1990er Jahre zunächst mehr an die Instrumente und ihren Einsatz im Laufe der Geschichte. Die Aufzeichnung und spätere Wiedergabe von Musik spielte nur am Rand eine Rolle: in erster Linie bei der Dokumentation. Wenn bei älteren Sängerinnen und Sängern in der Region Lieder für das Archiv gesammelt wurden, diente ein kleines Kassettengerät der Aufzeichnung ihrer Vorträge und der Gespräche. Damit konnten Momentaufnahmen für die weitere Zukunft konserviert werden. An eine Wiedergabe von alten Schellackplatten im Museum über ein Grammophon war allerdings schon gedacht. Im Zusammenhang mit den Erfindungen bei Zithern und anderen Instrumenten, bei denen man durch Vereinfachung und mechanische Hilfen viel Übungsarbeit ersparen konnte, wurde der Gedankengang fortgesetzt: Spieldosen konnten noch leichter Musik ohne Mühe wiedergeben.
Dabei gab es schon das Prinzip mit Walzen und in Konkurrenz die Blechplatten. Die logische Fortsetzung dazu waren schließlich der Phonograph mit der Walze und wieder im Wettbewerb daneben die Schellackplatte. Die Demonstration über ein Blatt Papier mit einer Nadel im Zentrum (zum Phonographen) und an der Seite (zum Grammophon), kann das Aufnahmeprinzip verdeutlichen, aber ebenso die Umkehr bei der Wiedergabe. Dieses akustisch-mechanische Phänomen wird im Musikmuseum den staunenden Besuchern vorgeführt. Am neu erworbenen Tefifon aus den 50er Jahren kann dies am Endlosband mit der Rille ebenso mechanisch demonstriert werden, auch wenn anschließend der Röhrenverstärker diese Verstärkung optimiert.
Im
Musikmuseum Eglofs: (v.l.n.r.) Phonograph, Grammophon (Jugendstil),
Grammophon (Bauhausstil), Ein
Telefonat
2001 mit dem Österreichischen Volksliedwerk in Wien ließ mich Schallaufzeichnungen in einem
erweiterten Sinn erkennen. Meine Tochter arbeitete in dieser Zeit beim Volksliedwerk. Sie
erklärte mir, dass sie in Wien mit Italien zusammen auch noch einen
deutschen Partner für ein Europaprojekt suchen würden. Es ging dabei
um eine Bestandsaufnahme aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik speziell
auf Schellackplatten mit den Zielen, auch Künstlerdiskografien erstellen zu
können. Eine Anfrage an
ein großes Archiv in Süddeutschland wegen einer Teilnahme als
deutscher Partner sei schon negativ beantwortet worden. Sollte dafür
nun ich mit meinen wenigen Platten einspringen? Zunächst
erbat ich mir Bedenkzeit, aber die Entscheidung war dann doch schnell
gefallen. Schließlich gab es dabei auch Geld. Wesentlich
war aber der für mich neue Aspekt, dass auf den Schellackplatten
direkt hörbare Kulturzeugnisse früherer Zeiten vorliegen. Das konnte
Antworten auf folgende Fragen geben: Was wurde in den Familien bei uns
im Allgäu von 1910 etwa bis 1955 vor und neben Radiozeit denn sonst noch
angehört? Konnten dabei vielleicht Stücke von früheren Musikkapellen
oder Chören gefunden werden, die bei der Volksmusikpflege als Beispiele
dienen könnten? Sind dabei sogar Titel, die bei uns schon als Noten
gespeichert sind? Also verlegte ich mich mit meiner Sammeltätigkeit stärker
auf die „Schellacks“. Ich ging auf Flohmärkte, durchsuchte das
Internet und fragte immer wieder bei Freunden und Bekannten nach
Schellackplatten. Die Werbung bei der Demonstration im Museum half
dabei ebenfalls. Inzwischen ist die Sammlung auf 3815 Titel
angewachsen. Bald
konnte ich schon Antworten auf die gestellten Fragen finden, denn die
Platten bergen ungeahnte Schätze von Volksmusik und Liedern, von
Schlagern und ernster Musik. Wieder zum Klingen gebracht geben sie
Einblick in vergangene Zeiten und einstigen Musikgeschmack. Die
Möglichkeit, diese alten Aufnahmen zu digitalisieren, zu restaurieren
und auf CD zu brennen, erleichtert die Arbeit beim Forschen und
Archivieren. Wie das geht, hatte ich ja bei den internationalen
Tagungen in Wien, im italienischen Gorizia und daheim in Eglofs schon
mitbekommen. Ein
„Hit“, das heißt mit 11 Nennungen bei insgesamt 3815 Titeln,
stellte sich im Westallgäu allein schon bei den Schellack-Platten
heraus: „Die Fischerin vom Bodensee“ von Franz Winkler. Dass es
daneben einen Gerhard Winkler gibt, dessen Komposition
„Caprifischer“ ebenso bekannt ist, sei nur kurz vermerkt. Die Titel der
beiden nicht verwandten Komponisten erklangen immer wieder beim „Aufspielen beim Wirt“,
oft frei gespielt von einem
Akkordeon, und das Publikum sang immer begeistert mit. Bei diesen immer
wiederkehrenden Veranstaltungen in verschiedenen Gaststätten spielen
Musikanten völlig frei nach ihrem Geschmack zur eigen Freude und –
wie man hofft - der des Publikums auf. Diese Schlager sind also immer
noch „Evergreens“, wenigstens bei den Älteren, obwohl sie aus dem
Jahre 1942 („Caprifischer“) und 1948 („Fischerin“) stammen.
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