"Die Fischerin vom Bodensee" und Franz Winkler,
Schellacks im Allgäu-Schwäbischen Musikarchiv Eglofs.

Wie ich zur „Fischerin vom Bodensee“ kam  

Schellackplatten kenne ich von zu Hause aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das sind die schwarzen, schweren Schallplatten von 25 Zentimetern Durchmesser, die beim Zerbrechen so schön knacken...  Für meine Familie und mich waren sie nach dem Krieg eine wunderbare Möglichkeit, neben dem Radio unsere Wunschmelodien anzuhören, die der Vater nach eigenen Gesichtspunkten der Auswahl sich geleistet hatte. Unter den 35 Platten waren das „Largo“ von Händel und die „Träumerei“ von Schumann, die ich als Jugendlicher schon mitgeigen konnte, neben dem Tango „Olé Guapa“, dem „Wiener Blut“ und den jazzigen Geigen- klängen eines Helmut Zacharias.        
Dabei war auch eine Platte mit der „Fischerin vom Bodensee“ und „Der Waldspecht“. Diese Titel entsprachen allerdings nicht meinem jugendlichen Geschmack. Autor und Interpret interessierten mich damals noch nicht. Wir Schüler bevorzugten den amerikanischen Soldatensender AFN.  

Als Lehrer für Physik kam ich später wieder mit den Schellacks in Berührung: Ein Schüler erzählte beim Thema „Akustik“ von einem Gerät, das ohne Strom Musik von sich geben konnte, dem Grammophon. Deshalb beschäftigten wir uns im Unterricht näher mit der Funktionsweise dieses Apparates und stellten fest, dass es sogar möglich ist, den sich darauf drehenden Platten auch ohne Trichter Musik zu entlocken - allein mit Hilfe eines zugespitzten Streichholzes, angeklebt an der Seite eines Blattes Papier. Dazu musste die Spitze des Streichholzes nur in der Plattenrille geführt werden.  

Später dachte ich bei den Planungen zur Gestaltung des Musikmuseums Eglofs Ende 1990er Jahre zunächst mehr an die Instrumente und ihren Einsatz im Laufe der Geschichte. Die Aufzeichnung und spätere Wiedergabe von Musik spielte nur am Rand eine Rolle: in erster Linie bei der Dokumentation. Wenn bei älteren Sängerinnen und Sängern in der Region Lieder für das Archiv gesammelt wurden, diente ein kleines Kassettengerät der Aufzeichnung ihrer Vorträge und der Gespräche. Damit konnten Momentaufnahmen für die weitere Zukunft konserviert werden. An eine Wiedergabe von alten Schellackplatten im Museum über ein Grammophon war allerdings schon gedacht. Im Zusammenhang mit den Erfindungen bei Zithern und anderen Instrumenten, bei denen man  durch Vereinfachung und mechanische Hilfen viel Übungsarbeit ersparen konnte, wurde der Gedankengang fortgesetzt: Spieldosen konnten noch leichter Musik ohne Mühe wiedergeben. 

Links: 2 Walzenspieldosen, auch mit Papierband;
daneben Apparat mit Blechplatte 

        

Abspielen der Platte vom Grammophon
mit einer Nadel, eingeklebt an der Papierseite

Dabei gab es schon das Prinzip mit Walzen und in Konkurrenz die Blechplatten. Die logische Fortsetzung dazu waren schließlich der Phonograph mit der Walze und wieder im Wettbewerb daneben die Schellackplatte. Die Demonstration über ein Blatt Papier mit einer Nadel im Zentrum (zum Phonographen) und an der Seite (zum Grammophon), kann das Aufnahmeprinzip verdeutlichen, aber ebenso die Umkehr bei der Wiedergabe. Dieses akustisch-mechanische Phänomen wird im Musikmuseum den staunenden Besuchern vorgeführt. Am neu erworbenen Tefifon aus den 50er Jahren kann dies am Endlosband mit der Rille ebenso mechanisch demonstriert werden, auch wenn anschließend der Röhrenverstärker diese Verstärkung optimiert.

Im Musikmuseum Eglofs: (v.l.n.r.) Phonograph, Grammophon (Jugendstil), Grammophon (Bauhausstil),
Phonoschrank mit eingebautem Tefifon, Kassetten mit Bändern und Röhrenverstärker

Ein Telefonat 2001 mit dem Österreichischen Volksliedwerk in Wien ließ mich  Schallaufzeichnungen in einem erweiterten Sinn erkennen. Meine Tochter arbeitete in dieser Zeit beim Volksliedwerk. Sie erklärte mir, dass sie in Wien mit Italien zusammen auch noch einen deutschen Partner für ein Europaprojekt suchen würden. Es ging dabei um eine Bestandsaufnahme aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik speziell auf Schellackplatten mit den Zielen, auch Künstlerdiskografien erstellen zu können. Eine Anfrage an ein großes Archiv in Süddeutschland wegen einer Teilnahme als deutscher Partner sei schon negativ beantwortet worden. Sollte dafür nun ich mit meinen wenigen Platten einspringen? Zunächst erbat ich mir Bedenkzeit, aber die Entscheidung war dann doch schnell gefallen. Schließlich gab es dabei auch Geld.

Wesentlich war aber der für mich neue Aspekt, dass auf den Schellackplatten direkt hörbare Kulturzeugnisse früherer Zeiten vorliegen. Das konnte Antworten auf folgende Fragen geben: Was wurde in den Familien bei uns im Allgäu von 1910 etwa bis 1955 vor und neben Radiozeit denn sonst noch angehört? Konnten dabei vielleicht Stücke von früheren Musikkapellen oder Chören gefunden werden, die bei der Volksmusikpflege als Beispiele dienen könnten? Sind dabei sogar Titel, die bei uns schon als Noten gespeichert sind? Also verlegte ich mich mit meiner Sammeltätigkeit stärker auf die „Schellacks“. Ich ging auf Flohmärkte, durchsuchte das Internet und fragte immer wieder bei Freunden und Bekannten nach Schellackplatten. Die Werbung bei der Demonstration im Museum half dabei ebenfalls. Inzwischen ist die Sammlung auf 3815 Titel angewachsen.

Bald konnte ich schon Antworten auf die gestellten Fragen finden, denn die Platten bergen ungeahnte Schätze von Volksmusik und Liedern, von Schlagern und ernster Musik. Wieder zum Klingen gebracht geben sie Einblick in vergangene Zeiten und einstigen Musikgeschmack. Die Möglichkeit, diese alten Aufnahmen zu digitalisieren, zu restaurieren und auf CD zu brennen, erleichtert die Arbeit beim Forschen und Archivieren. Wie das geht, hatte ich ja bei den internationalen Tagungen in Wien, im italienischen Gorizia und daheim in Eglofs schon mitbekommen.  

Ein „Hit“, das heißt mit 11 Nennungen bei insgesamt 3815 Titeln, stellte sich im Westallgäu allein schon bei den Schellack-Platten heraus: „Die Fischerin vom Bodensee“ von Franz Winkler. Dass es daneben einen Gerhard Winkler gibt, dessen Komposition „Caprifischer“ ebenso bekannt ist, sei nur kurz vermerkt. Die Titel der beiden nicht verwandten Komponisten erklangen immer wieder beim „Aufspielen beim Wirt“, oft frei gespielt von einem Akkordeon, und das Publikum sang immer begeistert mit. Bei diesen immer wiederkehrenden Veranstaltungen in verschiedenen Gaststätten spielen Musikanten völlig frei nach ihrem Geschmack zur eigen Freude und – wie man hofft - der des Publikums auf. Diese Schlager sind also immer noch „Evergreens“, wenigstens bei den Älteren, obwohl sie aus dem Jahre 1942 („Caprifischer“) und 1948 („Fischerin“) stammen.  

So viele Platten es inzwischen auch sind, mit denen eine gewisse Übersicht über die Hörkultur wenigstens im Westallgäu gewonnen werden kann, so bleiben doch noch Fragen offen: Gibt es nicht noch mehr erhaltene Tonbeispiele früherer Kapellen und Gruppen? Nach Aussage der Witwe von Franz Winkler aus Bregenz, die ja selbst bei der „Fischerin vom Bodensee“ mitgesungen hat, habe er etwa 120 Titel komponiert. Bekannt sind mir bisher „nur“ 100. Das wissenschaftliche Interesse hat mich nun gepackt, schließlich ist eine Künstlerdiskografie auch Ziel des Europaprojektes.
   
Also startete ich eine erneute Offensive jetzt im Zusammenhang mit unserem Europaprojekt und schrieb in der Zeitschrift 
      

Die eigentliche "Fischerin" vom Bodensee, 
Ingeborg Vogler, verw. Winkler (2007)

"Heimat Allgäu" bei einem ähnlichen Einstieg wie heute Folgendes: "Zum Glück sind die Allgäuer im positiven Sinne recht konservativ und es ist damit zu rechnen, dass neben den alten Noten und Liederbüchern, die weiterhin Sammelobjekte des Archivs sind, auch noch die guten alten „Schellacks“ nicht „geknackt“ oder weggeworfen worden. Mit jeder weiteren Platte kann ich neue Erkenntnisse zur Musikkultur im Allgäu gewinnen. Wenn auch Sie noch Schellacks haben, die Sie nicht mehr abspielen, wüsste ich eine gute Sammelstelle: Das Allgäu- Schwäbische Musikarchiv Eglofs. Auf Wunsch erstellen wir Ihnen von den Schellack-Platten CDs. So könnten Sie über restaurierte Titel verfügen, bei denen das Knacken und Knistern stark reduziert ist."  

Ohne zu wissen, was sich aus dieser Frageaktion ergibt, versuche ich nun doch einen Zwischenstand zu beschreiben und bleibe zunächst beim Leben und Schaffen von Franz Winkler, der heute noch vielen Älteren hier im Allgäu und in Vorarlberg mit seinen Aufnahmen und Konzerten in Erinnerung ist.